Ein Bett für jeden ist das Mindeste!
...und bereits vor einem halben Jahr:
Zirndorf, im August 2011
Die Unterbringungssituation für die Flüchtlinge in der ZAE Zirndorf spitzt sich immer weiter zu. Bereits seit letztem Jahr wird notgedrungen die Trennung von EhepaarenundFamilieninderZAEpraktiziert: Statt jedem Ehepaar bzw. Familienverband mindestens ein eigenes Zimmer zur Verfügung zu stellen, werden bis zu sechs Ehemänner in einem Zimmer der Männerunterkunft untergebracht, ihre Ehefrauen (und ggf. die Kinder) in einem anderen Zimmer in den Familiengebäuden. Andere Familien bzw. Alleinerziehende mit Kindern bekommen zwar ein eigenes Zimmer, jedoch mit weniger Betten als Personen. So mussten sich mehrere Kinder jeweils ein Bett teilen. Die UnterbringungskapazitätinderMännerunterkunftimHaupthaus in Zirndorf, wohin permanent auch männliche unbegleitete minderjährige Flüchtlinge ausweichen müssen, ist ebenfalls mehr als erschöpft: In Sechsbettzimmern werden bis zu acht Personen untergebracht. Zudem wird die gesetzlich vorgesehene Verweildauer von drei Monaten in der Erstaufnahmeeinrichtung häufig und deutlich überschritten.
Die Konsequenzen aus dieser Situation sind vielfältig und immens: Es fehlt jegliche Privatsphäre und es kann noch nicht einmal ein eigenes Bett für jeden Asylbewerber dauerhaft garantiert werden, was allein aus hygienischen Gründen untragbar ist: Hauterkrankungen und Ausschläge sind nach Berichten eines in der ZAE tätigen Arztes weit verbreitet. Weitaus schlimmer und weitreichender ist jedoch der soziale Stress, der bei der Unterbringung so vieler Menschen auf so engem Raum entsteht. Konflikte, Streit und Auseinandersetzungensindvorprogrammiert, die unterschiedlichen Herkunftskulturen, Ethnien, Sprachen, Weltanschauungen und Religionen, Gewohnheiten und Bedürfnisse erhöhen das Konfliktpotenzial um ein Vielfaches. Das Spektrum reicht von sozialer Ausgrenzung und verbalen Attacken bzw. Drohungen bis hin zu Handgreiflichkeiten. In den letzten Monaten kam es wiederholt zu gewalttätigen Konflikten und Auseinandersetzungen in der ZAE. Was die Situation jedoch noch weiter verschärft, ist die häufig anzutreffende psychische Instabilität der Flüchtlinge. Nicht wenige von ihnen sind traumatisiert, mussten selbst Schlimmstes am eigenen Leiberfahrenoderhilflosmitansehen,wie Familienangehörige, Freunde oder auch Fremde gefoltert, misshandelt oder getötet wurden. Gerade diese Menschen haben ein besonders hohes Bedürfnis nach Sicherheit und Ruhe, sind sehr schreckhaft bzw. leicht in Panik zu versetzen, werden nachts von Albträumen geplagt und müssen erst wieder lernen, Vertrauen zu anderen Menschen aufzubauen. Für sie ist die derzeitige Situation mit der allgegenwärtigen Anspannung in den Gebäuden und auf dem Gelände und der unvermeidlichen Geräuschkulisse eine ganz enorme Belastung.
Wir bitten Sie deshalb, nach Ihren Möglichkeiten mitzuhelfen auf die verantwortlichen Stellen einzuwirken (Bayerisches Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie und Frauen, Regierungen der einzelnen Bezirke in Bayern, Bürgermeister und Landräte usw.):
- dass die Verpflichtung der Regierungen in den Bezirken gemäß dem bayerischen Aufnahmegesetz wahrgenommen und rasch umgesetzt wird („Gemeinschaftsunterkünfte sind von den Regierungen entsprechend dem Bedarf zu errichten und zu betreiben.“),
- dass Städte und Landkreise geeignete Gebäude für die Unterbringung von Asylbewerbern zur Verfügung stellen und sich nicht durch undurchsichtiges politisches Handeln ihrer Verantwortung entziehen,
- dass bei neu zu eröffnenden Gemeinschaftsunterkünften eine ausreichende soziale Betreuung durch die Wohlfahrtsverbände gewährleistet ist,
- dass bei der Unterbringung verstärkt Rücksicht auf Nationalitäten, Religionszugehörigkeiten und Ethnien genommen wird und ein Mindestmaß an Privatsphäre gewährleistet ist,
- dass die besonderen Bedürfnisse von Schwangeren, Kranken und Asylbewerbern mit Behinderungen verstärkt bei der Unterbringung berücksichtigt werden,
- dass jedem Asylbewerber in der ZAE Zirndorf wieder ein eigener Schlafplatz zur Verfügung gestellt werden kann,
- dass Familien, Ehepartner und Alleinerziehende je ihr eigenes Zimmer für eine gemeinsame Unterbringung erhalten,
- dass unbegleitete minderjährige Flüchtlinge nicht mit erwachsenen Asylbewerbern in einem Zimmer untergebracht werden,
- dass Familien mit schulpflichtigen Kindern möglichst schnell in eine Unterkunft oder Wohnung verteilt werden, da erst nach der Aufnahmeeinrichtung ein Schulbesuch für Kinder möglich ist.
Vielen Dank für Ihre Unterstützung!
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der im Sozialzentrum vertretenen Träger
in der ZAE Zirndorf
Rothenburger Straße 31
90513 Zirndorf
Asylgruppe St. Rochus Zirndorf
Ehrenamtliche in der Flüchtlingsarbeit
Caritasverband Nürnberg e.V.
Flüchtlingsberatung
Diakonisches Werk des Evang.-Luth. Dekanatsbezirkes Schwabach e.V.
Projekt BASIC
Evang.-Luth. Kirchengemeinde Zirndorf
Projekt BASIC
Rummelsberger Dienste für junge Menschen gGmbH
Flüchtlingsberatung
Wieso ist das bei uns möglich??
Gymnasiasten in der ZAE (Zentrale Erstaufnahme-Einrichtung für Asylsuchendeund Flüchtlinge) in Zirndorf
Die Schülerinnen und Schüler des Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasiumsin Oberasbach haben sich im Oktober 2011 im Rahmen ihres Praxisseminars mit der ZAE in Zirndorf beschäftigt.
Ihre Eindrücke fassten sie so zusammen:
„Es hat meinen Blick auf das Lebenund die Verhältnisse der Asylbewerber, bzw. überhaupt den Blick auf die Asylbewerberdeutlich geändert. Für mich sind sie keine „Ausländer“, sondern Menschen, die wirklich Schutz und Unterstützung benötigen.“
„Wieso ist es bei uns möglich, dass Menschen unter so schrecklichen Bedingungen leben müssen?“
„Besonders schlimm sieht auch das Gebäude für die Aufnahme aus. Es gibt den Ankömmlingen gleich das Gefühl unerwünscht zu sein.“
„Mich hat es besonders berührt, dass die drei Jungen ihr Zimmer so sauber gehalten haben und es uns unbedingt stolz präsentieren wollten.“
„Ich will mich nicht damit abfinden, dass Flüchtlinge auf engstem Raum, in zellenähnlichen Kammern hausen müssen.“
„Wieso ist es bei uns möglich, dass Menschen auf engstem Raum zusammenleben müssen und keine Privatsphäre haben?“
„Mich hat es schockiert, dass so viele Menschen auf so engem Raum ohne jegliche Privatsphäre zusammen leben müssen und das unter derartigen hygienischen Bedingungen.“
„Für mich waren auch die hygienischen Zustände erschreckend.“
„Ich hatte nicht erwartet, dass es in Deutschland Einrichtungen gibt, in denen Menschen derart beengt zusammenleben müssen.“
„Ich kann mir vorstellen, dass der Alltag sehr schwierig und anstrengend ist, wenn man keine Möglichkeite nhat, sich zurück zu ziehen und einen Moment allein zu sein.“
„Für mich war es besonders schockierend die Zustände im Männerhaus zusehen.“
„Ich kann mich nicht damit abfinden, wie es im Männerhaus gerochen und ausgesehen hat.“
„In Erinnerung blieben mir vor allem die Küche mit den Nudeln an der Wand.“
„Gegen die derzeitige Situation in den Zimmern muss auch etwas unternommen werden.“
„Ich fand es schön, dass wenigstens für die kleinen Kinder ein Platz zum Spielen und Toben vorhanden ist.“
„Besonders betroffen macht mich wie trostlos die Kinder dort leben müssen, da es vor allem draußen kaum Möglichkeiten zum Spielen gibt.“
„Ich kann nicht vergessen, dass die Menschen so wenige Beschäftigungsmöglichkeiten haben.“
„Ich kann mich nicht damit abfinden, wie wenig Geld die Asylbewerber im Monat bekommen.“
„Ich kann mich nicht damit abfinden, dass sich so wenige Menschen für die Menschen dort interessieren.“
„Es macht mich so betroffen, dass sich so wenige Außenstehende engagieren.“
Doch Betroffenheit und Empörung sind nicht genug. Daraus entwickelten sich konkrete Ideen, die das Leben der Flüchtlinge in Zirndorf ein wenig erträglicher machen sollten:
ein Basisdeutschkurs für Kinder, einen Kinderspieltag, ein Begegnungsprogramm für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge sowie eine Kleider- und Spielzeugsammlung.
Und vielleicht lässt diese Erfahrung manche der jungen Menschen nicht mehr los und zieht Kreise. Die Hand direkt vor Ort zu reichen ist das Eine. Öffentlichkeit zu schaffen, die inakzeptablen Zustände in der ZAE und in den Gemeinschaftsunterkünften zu skandalisieren und Abhilfe einzufordern das Andere. Zu beidem braucht es Menschen, die hingehen, hinsehen und handeln. So wie die aktiven SchülerInnen des Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasiums in Oberasbach mit ihrer engagierten Lehrerin Heidemarie Mielke.














