Serie - Die Würde des Menschen ist (un)antastbar - Teil 6

...denn in der Herberge war kein Platz für sie...

Und es begab sich zu jener Zeit, da die Menschen des christlichen Abendlandes wieder die Menschwerdung ihres Erlösers feierten, dass sie beschloss, endlich anzukommen, wo ihr Platz war. An den Türen der Menschen wollte sie anklopfen, wie Josef und Maria auf Herbergssuche in den Krippenspielen. Denn ging es nicht gerade um sie selbst in der Botschaft dieses Gottessohnes, der Widerstand predigte und leistete gegen alles, was den Menschen klein macht, ausgrenzt, beschämt? Und in den wunderbaren Predigten von neuer Hoffnung, vom Heil der Welt, in dem ebenso frommen wie folgenlosen Friedenswunsch des Papstes „Urbi et Orbi“ an „alle Menschen des guten Willens“? Ihre Zeit war gekommen, dachte sie und klopfte an die Türen in der Gewissheit, diese würden ihr mit offenen, einladenden Gesichtern aufgetan werden. Mit Gesichtern, die die Frohe Botschaft von „Werde Licht!“ widerspiegelten.
„Sie werden gebeten, die Gemeinschaftsunterkunft bis spätestens...zu verlassen. Bitte kommen sie der Aufforderung fristgerecht nach.“ Schon allein der „Brief vom Amt“ weckt Ängste, erst recht, wenn man nicht weiß, was darin steht, weil man die Sprache nicht versteht. Amt ist schlimm, das hat man hier schnell gelernt. Gestern noch keine Sprache lernen dürfen, keine Bewegungsfreiheit, Isolation, ein lächerliches Taschengeld und ein fremdbestimmtes Leben. Jetzt plötzlich, mit Erteilung der Aufenthaltserlaubnis: Suche dir eine Wohnung. Suche dir Arbeit. Komm klar da draußen in der komplexen deutschen Gesellschaft. Immerhin, endlich: Deutschkurs, Integrationskurs, Bewegung, Hoffnung. Aber Sprache lernen braucht Zeit. Natürlich gibt es, zumindest in großen Städten, Beratungsdienste, aber die sind ein Tropfen auf den heißen Stein. Wohl dem, der deutsche Freunde oder Unterstützer hat. Aber wie viele hatten das Glück, schon in der Gefangenschaft des Lagerlebens solche Kontakte knüpfen zu können? „Nutzungsgebühr“ für mein durchgelegenes Bett in der Massenunterkunft, für Mitbenutzung der Toiletten, Duschen und Küche. Und dann dieser bedrohliche Brief vom Amt! Der macht mir Angst. Was ist, wenn ich keine Bleibe finde finde? Von wem wird also dem Fremden aufgetan? Von denen, die gestern noch bei der Christmette sich und der Welt Frieden wünschten? Frieden wo? Durch wen? Wer gibt diesen zu uns geflohenen Menschen eine Chance? So gut wie niemand. Bestenfalls ein „Tut mir Leid, die Wohnung ist schon weg!“, wenn nicht gleich, nett umschrieben:“Sie passen nicht ganz in die Hausgemeinschaft!“ So So hat sich der frischgebackene „Passbesitzer“ nun zügig eine eigene Bleibe zu besorgen, denn auf sein Bett im Lager warten schon in drangvoller Enge der Erstaufnahmeeinrichtungen neue Flüchtlinge. Dort verfügen viele von ihnen nicht einmal über ein eigenes Bett.

Ausländer, schwarz oder zumindest erkennbar „undeutsch“, kaum Deutschkenntnisse, mit Hartz-IV-Budget, klopft also an unsere Türen, fragt, ist noch Platz in der Herberge? Ich bin neu da draußen und ich möchte nichts weiter als endlich mein Leben selbst in die Hand nehmen, eure Sprache lernen, Arbeit finden, mein Brot verdienen, meine Familie unterstützen, so gut ich kann. Ich bin kein schlechter Mensch, nur weil meine Haut dunkler ist als Ihre, weil ich anders aussehe. Ich will nichts weiter als in Frieden leben, eine Chance bekommen. Von meinem Hartz IV-Geld zahle ich jetzt ohnehin jeden Monat 195€ wie in der wahren Begebenheit, als nach so einer „Ist schon weg...“-Absage postwendend der deutsche Freund als Interessent beim selbigen Vermieter anruft, sich als Jungingenieur ausgibt – und siehe an, die Wohnung ist natürlich gerne zu haben. Es ist beschämend und entlarvend, wie viel Rassismus und Fremdenfeindlichkeit noch unter uns zu finden ist. Flüchtlinge erwarten nicht, dass ihnen das Leben hier auf einem Silbertablett serviert wird, aber wie können sie die ersten Schritte bewältigen ohne unsere Offenheit und Solidarität? Wie sollen sie Annoncen in der Zeitung studieren können, verhandeln, besichtigen, wie im Internet auf Wohnungssuche gehen können? Sie sollen sich jahrelang eben nicht integrieren, Deutsch lernen, sie sollen isoliert in unwürdigen Massenunterkünften hausen, um ihre „Bereitschaft zur Rückkehr in das Heimatland (zu) fördern“, so die bayerische Asyldurchführungsverordnung von 2002. Kann es sein, dass am Ende der einzige Ort, an dem Herkunft und Hautfarbe keine Rolle spielen, das Lager ist, das Exil außerhalb der deut-schen Gesellschaft? Ein erbärmliches Zeugnis für uns alle. Weiter Gefangene wider Willen mit Auszugsbefehl -will-kommen in Deutschland, willkommen in Würzburg.
Suchet, so werdet ihr finden. Klopfet an, und es wird euch aufgetan werden - aber bloß nicht hier bei uns. Weihnachten ist vorbei, die Geschenke ausgepackt, die Spenden verschickt, der Braten verdaut. Verstummt sind die frommen Lieder und Predigten. Das war‘s. Genug davon, entsorgt und weggeräumt zusammen mit den Christbaumkugeln, ganz weit nach hinten in den Keller. Aber im nächsten Advent, dann heißt es wieder: “Mache dich auf und werde Licht, denn dein Licht kommt“ oder:“ Macht hoch die Tür, die Tor macht weit...“

Sie wird wieder auf Herbergssuche gehen. Vielleicht machen die Menschen diesmal auf. Vielleicht werden sie bis dahin stiller, demütiger, durchlässiger. Weil ihre übersatte Welt anders geworden ist. So lange wird sie an die Türen klopfen in der Hoffnung, diese werden ihr eines Tages aufgetan mit Gesichtern, die die Frohe Botschaft „Werde Licht!“ widerspiegeln. Von Menschen, die begriffen haben, was es bedeutet, sie anzunehmen. Dann wird Platz sein in der Herberge für alle Menschen – endlich. Auch für die Flüchtlinge. Und für SIE, die Menschenwürde.

Eva Peteler

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