Serie - Stimme der Erschöpfung - Teil 7

Ein Weihnachtsbrief an meine Frau
Meine geliebte Sarah! Bei uns daheim ist Weihnachten bei Weitem nicht ein Konsumfest wie hier im Westen; wir kaufen unsere Weihnachtsgeschenke für die Familie in einem dieser besonderen kirchlichen Weihnachtsläden, nicht wahr? Was ich an Weihnachten daheim am meisten liebte, war die Christmette um Mitternacht gemeinsam mit dir. Aber dem steht die unüberwindbare Entfernung zwischen uns im Wege. Kein gemeinsames Weihnachten. So schreibe ich dir, meine Liebe, wenigstens diesen Weihnachtsbrief aus der Ferne. Ich hoffe, du hast unser Haus genauso weihnachtlich geschmückt wie immer, ich weiß, wie dann dieser ganz besonderer Geist von Weihnachten in der Luft schwebte durch unser Haus.
Du bist mir so nahe; weißt du, wie sehr ich dich von ganzem Herzen liebe? Wahre Liebe trägt durch schwere Zeiten hindurch. So liebe ich dich jetzt ganz besonders in meiner schwierigen Lage. Meine Liebste, küsse deine lieblichen und zarten Wangen in meinem Namen. Du wirst es spüren, ich bin bei dir in diesem Augenblick, da du diesen Brief liest. Es ist nicht einfach, ihn zu schreiben, überhaupt einen ruhigen Platz dafür zu finden; das Lager quillt über vor Menschen. Ich bin nicht mehr wie früher, nicht mehr der Mensch, den du kanntest, der alles zur rechten Zeit am rechten Ort erledigt. Viele traurige Dinge und Gedanken beschäftigen mich; allein um diesen Brief zu schreiben, habe ich Tage gebraucht.
Ich hoffe, du verzeihst mir, dass ich dir drei lange Jahre keinen Brief geschrieben habe. Es ist ein schöner Brief geworden, und er hat meine Augen mit Tränen gefüllt. Kannst du dich noch erinnern, was du damals zu mir sagtest beim Abschied auf dem Flughafen, vor dem Flug nach Deutschland? Du hast mir mit Tränen in den Augen zugeflüstert: „Wir werden uns nie wiedersehen, nicht wahr??“ In diesem Moment habe ich dir versprochen, sei unbesorgt, alles wird wieder gut werden; ich erzählte dir, schließlich gehe ich in eines der am weitesten entwickelten Länder der Welt, in ein demokratisches Land, das sicher und verlässlich ist, viel besser als hier bei uns. Sie bekennen sich dort zu Menschenrechten, zu Meinungsfreiheit, Freizügigkeit und Recht auf Arbeit. Ich hoffe sehr,dass dies alles auch wahr ist, fügte ich noch an. Gib mir ein paar Monate und ich werde deine strahlenden Augen wiedersehen und deine zarten Wangen wieder küssen. Kümmere dich bitte um meine Mutter und besuche sie ab und an, und gebe meinen Brüdern und Schwestern Hoffnung und Zuversicht. Es tut mir jetzt so weh, alles, was für mich kostbar und wichtig ist, zurück zu lassen, dich, meine Liebe, meine Familie, Freunde, meine Heimat, alles. Bete du nun für mich und für unsere Zukunft.
Schon an dem ersten Ort, an dem ich nach meiner Flucht untergebracht war, fühlte ich mich erschöpft. Vergiss es, unser Wiedersehen nach wenigen Monaten oder gar Jahren. Mein Leben endet hier in einem Flüchtlingslager, ohne Hoffnung und Zukunft. Ich weiß nicht, warum mein Gebet im Himmel noch immer nicht erhört wurde. Bitte bete für mich. Mein Leben, auch dein Leben, unsere Zukunft, hängt von einer einzigen Person ab, die hier über meinen Status entscheidet. Frag mich nicht, wann diese Person endlich über meine Asylantrag befinden wird. Warum wurde dieser seit fast drei Jahren noch immer nicht bearbeitet? Wenn ich mich an deine Tränen erinnere, die auf dem Flughafen über deine weichen Wangen flossen, ist meine schreckliche Situation hier für mich fast unerträglich.
Möchtest du meine jetzigen Lebenserfahrungen mit mir teilen? Besser nicht, ich erzähle dir lieber etwas Harmloses. Die meisten Menschen hier sind wirklich freundlich, aber es ist für mich verstörend, immer wieder die gleichen Fragen zu hören und zu beantworten, wenn ich Einheimischen begegne: Wo kommst du her, was machst du hier? Wann bist du nach Deutschland gekommen? Warum sprichst du immer noch kein Deutsch, wenn du hier schon seit drei Jahren wohnst? Das sind wirklich nette Fragen beim ersten Mal, um sich vorzustellen. Aber dann wird es eigenartig: Wenn ich erkläre, ich bin Flüchtling, verschwinden manche Gesprächspartner ganz schnell. Andere vermeiden von vorn herein jeden Kontakt mit Flüchtlingen und sie meinen es sehr ernst damit, sie betrachten uns als wertlos, ungebildet, gierig nach sozialen Wohltaten, faul -und unwillkommen. Das ist meine Lage. Bitte lache lieber darüber anstatt zu weinen. War ich wirklich minderwertig, meine Liebe, als wir uns begegneten? War ich ohne Bedeutung, als ich deine Wangen küsste? War ich dumm und faul, als ich in meinen Job erfolgreich war und unseren Lebensunterhalt sicherte? Und um dich noch mehr zu erheitern: Manche Menschen sprechen nur noch sehr leise und fallen richtig in sich zusammen, wenn sie hören, ich bin ein Flüchtling. Ist das nicht komisch?
Ich fühle so, als ob die Wanderschaft von Menschen vor drei Jahren mit mir ihren Anfang genommen hat. Aber in Wahrheit war Migration immer da, seit es den Menschen gibt. Mein Liebling, um dich zu trösten, es gibt hier auch ehrliche, freundliche Menschen, die uns sehr nahe stehen. Sie unterstützen uns und kümmern sich um Flüchtlinge in jeder Hinsicht, außer natürlich bei der Beschaffung des „Passes“. Du musst wissen, dieser ist die Sehnsucht, das Ziel jedes Flüchtlings. Im Grunde bedeutet der „Pass“ nichts als ein Stück Papier, auf dem die Erlaubnis für bestimmte Freiheiten erteilt wird. Zum Beispiel dafür, zu arbeiten, von einer Stadt in die andere zu ziehen, deutsch zu lernen, das sind neue Möglichkeiten, die man nur durch den Pass erhält. Wer kann ihn bekommen? Nur diejenigen Flüchtlinge, die vor eben dieser einen Person Gnade finden, die sie zu Beginn des Asylverfahrens befragt hat und die alleine entscheidet.
Nicht einen Satz habe ich gefunden in all den Deklarationen von Institutionen und Menschenrechtsorganisationen, der dazu auffordert, Flüchtlinge so feindselig und abweisend zu behandeln, wie es in Wirklichkeit an uns geschieht. Warum also all die schönen Worte, wenn sie nichts weiter als Papier sind? „Flüchtling ist, wer gezwungen ist, sein Heim zu verlassen, um anderswo Zuflucht zu suchen“; entweder im Nachbarland oder in weit entfernten demokratischen Staaten. Das ist hart, schmerzlich, kein Spaß; warum also verschließen Länder ihre Grenzen vor diesen verfolgten Menschen, nachdem sie all diese Erklärungen unterzeichnet haben? Und warum weisen Behörden dieser Länder Flüchtlinge ab und drängen sie in ihre gefährlichen Heimatländer zurück? Warum schieben sie sie mit Gewalt ab, anstatt die Genfer Flüchtlingskonvention von 1951 zu respektieren, die unmissverständlich erklärt: Menschen haben das universelle „Recht, ein anderes Land auf der Flucht vor Verfolgung oder drohender Verfolgung aufzusuchen um der eigenen Sicherheit und des Schutzes willen und dort um Asyl zu bitten. Sie haben das Recht, nicht gewaltsam in die Heimat zurückgeschickt zu werden...“
Mein Liebling, verzeihe mir, es sind so viele schmerzliche und harte Dinge, von denen ich dir erzähle; bedenke, dass es hier auch erfreuliche Erfahrungen gibt. Ich kann dir in einem kurzen Brief nicht alles schildern; wir müssen uns gedulden, ich werde dir alles erzählen, wenn wir das Glück haben, uns wiederzusehen.
Bleibe tapfer, Gott segne dich!
Ich liebe dich, meine geliebte Sarah!
Dein Isaa
Isaa Yakubu












